3 – Untergang der Paläste

Die Geschichte von Kreta (Teil III) vom Untergang der Paläste 1.500 v.Chr. bis 1.400 v.Chr. und die Nachpalastzeit (1.400 bis 1.100 v.Chr.).

Palast von Malia
Die heutigen Reste des Palasts von Malia.

 

Hier zum Teil II: Palastzeit.

Der Untergang der Paläste

Etwa um 1.600 v. Chr. traten auf Kreta wieder kleinere Erdbebenschäden auf, die jedoch schnell behoben wurden.
Aber um 1.500 bis 1.450 v. Chr. kam es jedoch zu vernichtenden Zerstörungen. Mit Ausnahme von Knossos verbrannten alle Paläste und die Siedlungen auf der ganzen Insel wurden verwüstet.

Der Grund dafür ist immer noch ein Rätsel und heftig umstritten. Bis vor kurzem herrschte noch die Theorie vor, dass die Explosion des Vulkans Thira auf Santorini um das Jahr 1.500 v.Chr. die Ursache war. Dessen Explosion muss etwa fünfmal so stark gewesen sein, wie beim Krakatau im Jahr 1883.

Die Explosion ließ riesige Wolken schwarzer Asche in den Himmel schleudern und verursachte gigantische Flutwellen. Die Siedlungen an den Küsten wurden sofort von den Flutwellen vernichtet, was aber noch nicht ihr Niederbrennen eindeutig erklärte. Man befahl sich mit der Annahme, dass dies durch herunterfallende Lampen geschah, die aufgrund der Dunkelheit durch die Aschewolken selbst am Tag brannten. Explosionen, Feuer, Panik und weitere Erdstöße taten ihr Übriges.

Durch den niedergehenden Ascheregen wurde der Osten und die Mitte Kretas von einer giftigen Ascheschicht überzogen, unter der die nächsten fünfzig Jahre nichts wachsen konnte.
Jüngste Untersuchen von Vulkanologen konnten die Verteilung der Asche der Explosion bis nach Grönland, ins Schwarze Meer und nach Ägypten nachweisen. Die Tausenden Tonnen von Asche und Bimsstein, welche durch die Explosion in die Atmosphäre geschleudert wurden, müssen in weiten Teilen Europas und den angrenzenden Regionen einen ’nuklearen Winter‘ verursacht haben.

Archäologisches Museum
Der von Homer beschriebene mykenische Eberzahnhelm.

Nur in Knossos fand eine ununterbrochene Besiedlung statt, wo Griechen aus Mykene die Herrschaft an sich gerissen hatten. Es gab neue Kunststile, mehr Waffen traten auf und es erschienen erstmals Aufzeichnungen in der Schriftart Linear B. Diese Modifikation des alten Linear A wurde benutzt, um in einem frühen griechischen Dialekt zu schreiben.

 

Um 1.370 v.Chr. wurde jedoch auch das Knossos der Achäer-Dynastie niedergebrannt, entweder durch Rebellen, einer neuen Invasion aus Mykene oder als Folge weiterer Naturkatastrophen in geringerem Ausmaß.

Doch diese Theorie hat einige Ungereimtheiten.
Warum brannte auch Festos nieder, wenn es doch auf der Südseite der Insel hinter Bergmassiven sicher vor Wellen und Explosionen gewesen sein muss. Vor allem aber, warum sollte ein Vulkanausbruch, der bisher auf das Jahr 1.500 v.Chr. datiert wurde, erst fünfzig Jahre später so gewaltige Auswirkungen auf Kreta gehabt haben ?

Die Konfusion über das Ende der Palastzeit auf Kreta wurde durch eine Entdeckung im Jahr 2005 erheblich verstärkt. Dänische Vulkanologen entdeckten auf Thiar einen Olivenbaumzweig, der in einer Felswand aus vulkanischen Schutt abgeschottet war. Der Baum muss noch lebendig gewesen sein, als er unter dem vulkanischen Schutt begraben wurde.
Die Jahresringe des Zweiges waren noch vollständig und die eingesetzte Radiokohlenstoff-Untersuchung bestimmte das Datum des Endes des Baumes auf das Jahr 1.627 bis 1.600 v.Chr.

In diesem Fall muss die Explosion des Vulkans hundert Jahre früher als bisher angekommen stattgefunden haben, was die gesamte bisherige Chronologie der Ägäis durcheinander wirbelt. Historiker neigen dazu, die lange ägyptische Chronologie mit ihren vielen Königen und dem 365-Tage-Jahr als Grundlage für Zeitbestimmungen zu verwenden und bisher nahm man an, dass die minoische Zivilisation zur Zeit des Neuen ägyptischen Reiches (datiert auf ca. 1.550 bis 1.050 v.Chr) zusammenbrach. Wäre dies schon 1.600 v.Chr. geschehen, passt dies alles nicht mehr mit der ägyptischen Zeitrechnung überein.

Archäologisches Museum
Tafeln mit Schriften in Linear A und B.

Deshalb behaupten einige Wissenschaftler, dass die minoische Kultur eher durch Menschenhand als durch Naturkatastrophen unterging.
So soll es eine Invasion durch die Mykener gegeben haben, was hauptsächlich dadurch bewiesen wird, dass die Schrift Linear B in Knossos bereits vor 1.450 verwendet wurde.
Aber wenn die Mykener als Eroberer gekommen waren, dann hätten sie nicht all Zuviel gewonnen, wenn sie die auf Kreta bereits blühende Gesellschaft zerstört und deren ehemalige Bevölkerungszentren anschließend für eine Generation oder noch länger unbewohnt gemacht hätten.



 

Dieses logische Problem wird versucht durch eine innere Revolte auf Kreta gegen die Herrschaft zu erklären, welche sich durch das Chaos und dem Nachlassen des Glaubens in die Macht der Priester aus dem Ausbruch des Thira ergeben haben könnte.
Als Beweise dafür gelten Orte wie Mirtos Pirgos an der Südküste, wo eine beherrschende Villa niedergebrannt wurde, während die Siedlungen darum herum verschont geblieben waren.

Für alle diejenigen Idealisten und Romantiker, welche die minoische Zivilisation als ein Hort des Friedens ansehen, kommen solche Gedankengänge natürlich nicht infrage.
Wer der menschlichen Herrschaft gegenüber aber weniger Idealismus aufbringt und der griechischen Sage Glauben schenkt, dass der Tyrann Minos (und damit gleichgestellt die Minos-Dynastie der Minoer) nicht nur fremden Ländern gegenüber feindlich gesinnt war, sondern auch sein eigenes Volk unterdrückte, kann dieser Erklärung sicherlich mehr abgewinnen.

Wie auch immer, noch ist alles Theorie und nur der Ausbruch des Vulkans auf Santorini ist gesichert und gilt als überzeugendste Erklärung für den Untergang der minoischen Zivilisation, wenn es auch nicht der einzige Grund gewesen sein mag.


Nachpalastzeit (1.400 bis 1.100 v.Chr.)

Von ihrem Stützpunkt bei Knossos aus breitete sich die Herrschaft der Mykener allmählich über ganz Kreta aus, als die Insel nach dem Vulkanausbruch wieder zunehmend bewohnbarer wurde.
Zwischenzeitlich ging es mit der Herrschaft Kretas über das östliche Mittelmeer bergab, die Insel verlor die Verbindung zu ihren Kolonien und wurde zu einer Provinz des mykenischen Griechenlands.

Dieses Zeitalter wird zwar als das ‚mykenische auf Kreta‘ bezeichnet, aber vermutlich konnte die bisherige Bevölkerung der Insel trotzdem ihre kulturelle Tradition bewahren, während die lokalen Brauchtümer ununterbrochen fortgesetzt wurden.
Als wichtigste Quelle dazu gelten die Epen von Homer. In der Odysee wird berichtet, dass Kreta zu dieser Zeit über 100 Städte hatte und seine Bevölkerung aus sechs Völkern bestand: den Minoern, den Archäern, den Kydonen, den Pelasianern, den Eteokretern (den ‚ursprünglichen Kretern‘) und den Dorern.

Zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts v.Chr. kontrollierten die Mykener einen Großteil Kretas und einige der früheren Ansiedlungen wurden wieder bewohnt, darunter Gournia, Agia Triadha, Tilissos und Palekastro.
Kydonia, welches die nächstgelegene Hafenstadt zum mykenischen Kernland war, wurde zur Hauptstadt der Insel, welche immer noch einen beträchtlichen Überseehandel hatte, während seine Kunst und Architektur noch sehr stark dem minoischen Stil nachhing. Kydonia ist jedoch unter dem modernen Chania begraben und kann deshalb wahrscheinlich niemals vollständig ausgegraben werden.

Die Zerstörung der meisten alten Küstenstädte und Siedlungen während der Katastrophe führte zur Gründung neuer Städte, vor allem im Westen Kretas, welches am wenigsten von dem Vulkanausbruch betroffen war. Die fünf wichtige Zentren Kydonia, Stolos Apokoronou, Armenoi, Rethymno und Apodoulou Amariou sind hier von Archäologen untersucht worden.
In Mittel-Kreta dagegen kann ein Rückzug der bewohnten Ansiedlungen in das Innere der Insel beobachtet werden, was als ein Zeichen des Rückgangs des Handels zu anderen Regionen und einer Zunahme der Piraterie gewertet werden kann.

Der Architektur dieser Zeit fehlte die Brillanz des vorausgegangen minoischen Zeitalters. Es wurden nur örtliche mykenische Megaron gebaut, ohne Dekoration und Wandmalereien und die Paläste wurden als private Besitztümer zu Wohnungen, Lagerräume und Werkstätten umgebaut.
Geschnitzte Gräber und die mykenischen Grabkammern dominierten noch immer die Grabarchitektur. Unterirdische Gräber mit runder oder quadratischer Kammer wurden für die verstorbenen Führer der herrschenden Klasse gebaut. Auch die Praxis der Einäscherung begann gegen Ende dieser Epoche.

Archäologisches Museum
Töpferwaren und Schwerter der Nachpalastzeit.

Töpferwaren wurden weiterhin in den Formen und mit den Motiven aus der Neupalastzeit hergestellt, bevor in den letzten zwei Jahrhunderten dieser Epoche Stilformen aus dem mykenischen Griechenland überwogen.
Bei der Keramik kann eine Abkehr vom Naturalismus hin zur Schematisierung beobachtet werden.
Die Metallbearbeitung florierte bis zu einem gewissen Grad durch die Herstellung neuartiger Schwerter und Dolche auf der Grundlage mykenischer Vorlagen.
Es gibt wunderbare Beispiele für Einlegearbeiten, Siegelringe mit religiösen Darstellungen und Schmuck mit Steinen und Glaspaste. Die Siegel wurden im Laufe der Zeit aus leicht eingeschnittenem und weichem Steatit hergestellt und verwendeten einfachere, eher behelfsmäßig eingravierte Motive. Die Elfenbeinarbeit beschränkte sich auf die Herstellung nur noch weniger Artikel. Im religiösen Bereich wurden die minoische Traditionen fortgesetzt.

 

Kreta verfügte um 1.200 v.Chr. wieder über eine mächtige Flotte, welche zu militärischen Operationen und auch zur Piraterie eingesetzt wurde. Dies belegt die Teilnahme des kretischen Königs Idomenaeus am Trojanischen Krieg, wo die Kreter nach Agamemnon die drittstärkste Streitmacht stellten. Idomenaeus soll angeblich der Enkel von König Minos gewesen sein.
Auch geben ägyptische Aufzeichnungen aus dem gleichen Zeitraum an, dass der östliche Mittelmeer-Raum von den ‚Meeresvölkern‘ heimgesucht wurde. Eines dieser erwähnten Völker, welches auch zusammen mit anderen dabei Ägypten angriffen, waren die Bewohner von ‚Kaftor‘. So nannten die Ägypter die Insel Kreta damals.

Lassithi-Hochebene
Bei den alten Ruinen der Eteokreter von Karfi auf der Lassithi-Hochebene.

Der Krieg um Troja hatte jedoch Folgen für Griechenland und auch Kreta. In Nordgriechenland wurden die Mykener von Balkanvölkern überrannt, vor allem von den Dorern. Um 1.200 v.Chr. endete dann auch die Stabilität auf Kreta und viele bewohnte Plätze wurden für immer aufgegeben, während andere wieder niederbrannten. Durch mykenische Flüchtlinge vom Festland wurde deren Einfluss auf der Insel immer spürbarer.

 

Am Ende des zwölften Jahrhunderts v.Chr. ging es mit der minoischen Kultur endgültig bergab und Kreta, wie auch die gesamte griechische Welt, gerieten in einen Strudel aus Krieg und Chaos. Teile der ursprünglichen Bevölkerung Kretas, welche als Eteokreter (‚wahre Kreter‘) bezeichnet werden, zogen sich in Bergstädte wie Karfi und Presos zurück. Dort überlebten sie zusammen mit Teilen der minoischen Sprache und Kultur fast ein weiteres Jahrtausend.


Hier zum Teil IV: Kreta in der Antike.

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